Program Note

Das Spiel mit dem (Un)Möglichen

Sir Thomas More (1478 – 1535) war Humanist, Theologe, Jurist und Politiker und ohne Zweifel eine der bedeutendsten Persönlichkeiten seiner Zeit. Bis heute ist er vor allem bekannt als der Verfasser des (fiktiven) Reiseberichts „Vom besten Staatswesen einer Republik, und von der neuen Insel Utopia“ (1516 zuerst auf Latein erschienen), die Beschreibung einer unbekannten Insel jenseits des Äquators, auf der die Menschen in einer Gesellschaft leben in der Privatbesitz abgeschafft ist und soziale Gleichheit herrscht. Trotz seines visionären und radikalen Charakters ist dieser Entwurf einer neuen Gesellschaft durchzogen von feiner Ironie, allein der Name der Insel, Utopia (aus dem Griechischen: Nicht-Ort), verweist die Spekulation über das „beste Staatswesen“ in die Distanz der Fiktion. More war jedoch auch ein sehr genauer Beobachter seiner eigenen Gesellschaft: Als Historiker etwa verfasste er eine kritische Darstellung der politischen Vorgänge um die Thronbesteigung Richard des Dritten (die später zur wichtigsten Vorlage für Shakespeares Drama werden sollte). Über den als undurchsichtig und unlauter dargestellten Ablauf der Thronbesteigung Richards schreibt More:

„Men must sometimes for the sake on manner not acknowledge what they know. And so they said that these matters be king’s games, as it were, stage plays, and for the more part played upon scaffolds, in which poor men be but the on-lookers. And they that wise be, will meddle no further.“

Thomas More selbst hingegen spielte sehr wohl seine Rolle auf der politischen Bühne. Er wurde 1521 von König Heinrich dem Achten zum Ritter geschlagen und wurde zu einem engen Berater des Königs. 1529 löste er den in Ungnade gefallenen Kardinal Wolsey als Lordkanzler ab und wurde so zu einem der wichtigsten Männer im Staat. Zu dieser Zeit schwelten in England zahlreiche Krisen – das Ausbleiben eines männlichen Thronerbens stellte die Stabilität des Königreichs in Frage, ebenso wie eine unsichere Bündnispolitik und die potentielle Bedrohung durch ein Bündnis zwischen Frankreich und Schottland; hohe Besteuerung und Zwangsanleihen schürten Unwillen im Volk und die Erschütterung der religiösen Umwälzungen im Zuge der Reformation in Europa waren auch im katholischen England zu spüren.

König Heinrich war bestrebt, sich von seiner Frau, der spanischen Prinzessin Katharina von Aragon, scheiden zu lassen um eine ihrer Hofdamen, Anne Boleyn, zu heiraten. Die fortgesetzte Weigerung des Papstes, die Ehe mit Katharina zu annullieren, trieb Heinrich schließlich zu einem radikalen Schritt: Er brach mit der katholischen Kirche und begann die Reformation der englischen Kirche, deren Oberhaupt nunmehr der König selbst war. Dieser Bruch stürzte kühn die bis dahin bestehende Ordnung. Was als nationaler und spiritueller Befreiungsschlag gefeiert wurde, kollidierte zugleich mit den Glaubensgrundsätzen breiter Bevölkerungsschichten. Thomas More, der zuvor im hartnäckigen Kampf gegen reformatorische Bestrebungen nicht nur hitzige Streitschriften verfasst, sondern auch Protestanten verbrannt hatte, gehörte zu den prominentesten Gegnern von Heinrichs Reformation. Für seine Weigerung, den König als Oberhaupt der Kirche anzuerkennen, wurde er 1535 als Verräter hingerichtet. Anne Boleyn, Heinrichs zweite Frau, wurde im folgenden Jahr ebenfalls unter dem Vorwurf des Ehebruchs und des Verrats hingerichtet. Ihre Tochter Elizabeth bestieg 1559 den englischen Thron, vollendete die von ihrem Vater Heinrich begonnene Reformation und herrschte bis zu ihrem Tod im Jahr 1603 über England.

A Man for All Seasons

Schon zu Lebzeiten war Thomas More ein in ganz Europa bekannter und geschätzter Gelehrter; nach seinem Tod blieb das Interesse an seiner Person und Geschichte ungebrochen. Seine Werke, darunter die Utopia, wurden in zahlreichen Editionen aufgelegt, er wurde von Katholiken als Martyrer verehrt und von Engländern als herausragende nationale Persönlichkeit gefeiert. Schon früh setzte sich das Bild von More als gewissenstreuem, über weltlichen Dingen stehender Idealist durch. Mitte des 16. Jahrhunderts schrieb der schottische Humanist George Buchanan seine Tragödie Baptistes sive Calumnia über die Ermordung Johannes des Täufers durch Herodes als Kommentar auf die Hinrichtung Mores. Das Stück The Book of Thomas More, das gegen Ende des 16. Jahrhunderts in Kollaboration mehrerer Dramatiker (unter ihnen Shakespeare) entstand, ist verhaltener in seinen politischen Kommentaren – zur Regierungszeit Elizabeths waren ideologische Angriffe auf ihren Vater nicht opportun. Trotzdem wird More hier als positive Figur gezeichnet, als Menschenfreund, der mit reinem Gewissen in den Tod geht. Es ist unklar, ob das Stück zu dieser Zeit je auf die Bühne gebracht wurde – es ist nur als Manuskript überliefert, samt der von eliza¬bethanischen Zensor vorgenommenen Anmerkungen, die zahlreiche Streichungen und Ände¬rungen kritischer Passagen verlangen.

Auch bis ins zwanzigste Jahrhundert blieb das Bild von More als integerem Humanisten und visionärem Denker, der sein Gewissen über politische Interessen stellt und bereit ist, für seinen Glauben in den Tod zu gehen, bestehen. Auf die Bühne gebracht wurde es insbesondere durch Robert Bolts Stück A Man for All Seasons (1960), dessen Verfilmung von 1966 sechs Oscars gewann, und das 1988 von und mit Charlton Heston erneut verfilmt wurde. Bereits 1935 wurde Thomas More heilig gesprochen; 2000 ernannte Papst Johannes Paul II ihn zum Schutzpatron der Regierenden und Politiker:

„Sein Leben lehrt uns, daß das Regieren vor allem Übung der Tugend ist. Durch diesen strengen moralischen Ansatz gestärkt, stellte der englische Staatsmann sein öffentliches Wirken in den Dienst der Person, besonders wenn es sich um schwache oder arme Menschen handelte; er führte die sozialen Auseinandersetzungen mit einem besonderen Sinn für Gerechtigkeit; er schützte die Familie und verteidigte sie mit unermüdlichem Einsatz; er förderte die umfassende Erziehung der Jugend. […] Seine Heiligkeit erstrahlte im Martyrium, doch sie wurde vorbereitet von einem ganzen Arbeitsleben, das der Hingabe an Gott und an den Nächsten galt.“ (Apostolisches Schreiben zur Ausrufung des heiligen Thomas Morus zum Patron der Regierenden und Politiker)

Sowohl auf dem Theater wie der politischen Bühne was Thomas More Unsterblichkeit beschieden. Hinter dem überlebensgroßen humanistischen Denker, der nicht nur seinem Gewissen folgte, sondern das Schauspiel und die Kunst liebte, für seinen Geist und Humor berühmt war und mit der Utopia die mutige Vision einer Welt sozialer Gerechtigkeit und ideologischer Freiheit entworfen hatte, treten andere Aspekte zurück: Mores klösterliche Disziplin und Selbstkasteiung; sein kühles Verhältnis zu seiner zweiten Frau; die Intoleranz gegenüber Andersgläubigen, die von wüsten Beschimpf¬ungen bis zum religiösen Fanatismus und zur Menschenverbrennung reichte. Die Utopia schließlich verdankt ihre Betonung von religiöser Toleranz und individueller Freiheit wohl hauptsächlich ihrer Überarbeitung durch Erasmus von Rotterdam, der den Text seines Freundes More zuerst herausgab und die von More entworfenen Systeme einer Kontrolle durch den Staat und der Versklavung nicht regelkonformer Bürger im Text abmilderte.

Fordert das Unmögliche!

Dennoch bleibt die Utopia ein kühner Entwurf einer ganz anderen, einer besseren Welt. In jenem fernen Inselstaat, den More beschreibt, ist der Privatbesitz abgeschafft: „Denn ist es nicht jedem einleuchtend, dass Mord, Raub, Verrat, Aufstand, Diebstahl und Hunger verschwinden, wenn das Geld verschwindet?” Alles gehört der Gemeinschaft, die sich Behausungen und Lebensgüter teilt, gemeinsam arbeitet und speist, aber auch gemeinsam feiert, musiziert und sich in Literatur, Rhetorik und Geschichte bildet. Es gibt keine Standesunterschiede: die Bürger wählen ihre politischen Repräsentanten selbst, ohne Privilegien für Eliten, ohne Unterscheidung von Klassen durch Kleidung oder Statussymbole. Zugleich sichert die unzugängliche Insellage den Staat gegen Angriffe von außen – Autarkie und Stabilität versprechen den dauerhaften Fortbestand des Systems, das langfristig Gerechtigkeit und Zufriedenheit seiner Bewohner sichert.

Eine solche Vorstellung muss reizvoll gewesen sein zu einer Zeit, da England von politischen und wirtschaftlichen Krisen erschüttert wurde. The Book of Thomas More beginnt mit einem Aufstand der Londoner Handwerker gegen Ausbeutung und Verdrängung durch ausländische Kaufleute. Und auch in The History of Henry VIII, or, All Is True (von Shakespeare gemeinsam mit John Fletcher geschrieben), das den gleichen historischen Zeitraum behandelt, leidet das Volk – in diesem Fall unter der übermäßigen Besteuerung durch Kardinal Wolsey, den mächtigen Berater und Repräsentanten des Königs. All Is True erzählt den Niedergang des Kardinals wie einer Reihe anderer politischer Persönlichkeiten in den Wirren der Reformationszeit, bis am Ende die Geburt Elizabeths den Anbruch eines neuen Zeitalters, des „Golden Age“, verheißt. Thomas More, der Kardinal Wolsey als Lordkanzler im Amt nachfolgte und selbst wenige Jahre später hingerichtet wurde, kommt im Stück nur am Rande vor – der Konflikt zwischen dem idealisierten Humanisten und Elizabeths Vater wird auch hier ausgeklammert.

Beide Stücke, The Book of Thomas More und All Is True spielen zur gleichen Zeit und behandeln die gesellschaftlichen Wirrungen, die schließlich zur Reformation führen, aus unterschiedlichen Perspektiven – ohne dass Heinrich und More in ihnen aufeinandertreffen. Es liegt damit die reizvolle Konstellation zweier (zumindest in Teilen) Stücke Shakespeares vor, die die gleichen historischen Ereignisse aus zwei unterschiedlichen Perspektiven, mit Fokus auf zwei unterschiedliche charismatische Protagonisten schildern. In kollaborativer Arbeitsweise verfaßt und zusammengesetzt laden die Texte ein zum weiteren Verschneiden: was, wenn die Leerstelle Thomas Mores in All Is True ergänzt wird? Welche Korrespondenzen zwischen den Stücken entstehen, wenn die politischen Vorgänge in beiden Stücken als Reaktionen auf den gleichen Aufstand der Londoner Bürger gelesen werden? Und was passiert, wenn man Thomas Mores fiktiven Entwurf einer besseren Welt als Antwort auf soziale Mißstände seiner Zeit Ernst nimmt?

Utopia™ – Where All Is True nimmt diese Gedankenspiele vor und lässt die drei Texte The Book of Thomas More, All Is True und Utopia eine neue theatrale Konstellation eingehen. Wie The Book of Thomas More beginnt alles mit einem Aufstand der Bürger auf dem Marktplatz, die sich gegen Ausbeutung und Unterdrückung erheben. Mit All Is True öffnet sich ein Einblick in den Königshof, wo der für die Unruhen verantwortliche Kardinal Wolsey ermahnt wird und der König nach einem Weg sucht, Unruhen dauerhaft zu vermeiden. Mit Thomas More tritt hier der Gedanke einer neuen Gesellschaftsordnung auf: die Abschaffung von Privatbesitz und sozialen Unterschieden bleibt nicht mehr in der Ferne einer fiktiven Insel, sie wird zum konkreten sozialen Projekt, das dem König vorgeschlagen wird. Angesichts der Notwendigkeit, sein aufbegehrendes Volk zu befrieden fragt Heinrich „Can we sell this?“ – und erteilt den Befehl, diese Vision Realität werden zu lassen. Im Zentrum von Utopia™ – steht diese Paradoxie: dass eine Utopie in die konkrete Realität übertragen werden soll. Dies Projekt aber ist von Anfang an kompromittiert: durch die Eigeninteressen der Herrschenden, die diesen Wandel initiieren; durch die religiöse Intoleranz, die der proklamierten Freiheit enge Grenzen setzt; durch die Unfähigkeit eines perfekten Systems, die nicht perfekten Menschen zu integrieren.

Mit Shakespeare und Thomas More lässt sich diese Paradoxie durchspielen, in ihren hoffnungsvollen Momenten mit euphorischen Versprechungen, und in ihren Konflikten und ihrem Scheitern. Wie in The Book of Thomas More und All Is True gibt es festliche Bankette mit Gesang und Spiel, aber auch drakonische Bestrafungen und politische Hinrichtungen. Wie in Utopia beschrieben arbeitet man gemeinsam, ohne Ausbeutung, und teilt die Freuden des Lebens – und doch wird das Ideal religiöser Toleranz nicht durchgesetzt und Scheiterhaufen werden errichtet. Schließlich ist es Heinrich, der mächtige König, der das Projekt beenden muss. Statt einer gegenwärtigeren besseren Welt bleibt nur das Versprechen eines zukünftigen Goldenen Zeitalters angesichts der Geburt Elizabeths. Die beste aller möglichen Welten bleibt stets zu finden, wie Königin Katherine am Schluß konstatiert:

“Die beste aller Welten – wenn es sie gibt – hier ist sie nicht. Und trotzdem: eine Landkarte, auf der die Insel Utopia nicht eingezeichnet ist, bleibt wertlos.”

Sounds palimpsestuous to me

Die kollaborative Arbeitsweise der Autoren des elizabethanischen Theaters, die wenig an Werktreue interessiert waren und sich aus unterschiedlichen Quellen und Texten bedienten, um herausragende Theatererlebnisse zu schaffen, machte die Stücke der Zeit vielschichtig und reizvoll. Sie wird von SHAKESPEARE IM PARK BERLIN auch als Einladung verstanden, diesen Texten nicht mit Ehrfurcht vor der Autor, sondern mit Lust an der Aneignung, dem Spiel und dem Weiterdenken und –schreiben zu begegnen.
In unserer Auseinandersetzung mit den Stücken und Themen suchen wir nach Resonanzen, Spuren und Momenten, die uns ansprechen, Bezüge zu unseren Lebenswelten herstellen und Fragen ins Spiel bringen, an denen wir interessiert sind. So entwickelt sich der Aufstand der Londoner Bürger in Utopia™ aus der zehrenden Realität einer Gesellschaft des freien Marktes, in der sich die Aufständischen den Wettbewerb beenden wollen. Die Weigerung der Aufständischen, ihre Forderungen in konkrete Formeln zu pressen, steht in bewußtem Gegensatz zum konkreten Projekt Thomas Mores mit seinen Widersprüchen und seiner Vermarktbarkeit. Die neue Ordnung in Utopia hat etwas Befreiendes in ihrer Toleranz für körperliche Freuden – zugleich erscheint eine Gesellschaft, in der es keine geheimen Zusammenkünfte, keinen privaten Rückzugsraum gibt, erschreckend in ihrer unbedingten Forderung nach Transparenz und Sichtbarkeit, wie sie die utopischen Kostüme erzwingen. Und die Arbeiter, die in The Book of Thomas More zwar den Aufstand proben, sich dann aber allzu leicht der Gnade Thomas Mores unterwerfen, entwickeln in Utopia™ ebenso ein Eigenleben wie Königin Katherine, die hier nicht nur selbst die Scheidung von Heinrich wünscht, sondern sich auch auf die Suche nach einer besseren Welt begibt.

Um diese eigene Lesart zu entwickeln, schreiben wir die Stücke weiter, subtrahieren Figuren und Handlungsstränge und fügen neue Elemente hinzu. Uns interessieren die Rezeptionsgeschichte und Hintergründe der Texte – so zitieren wir Buchanans Baptistes ebenso wie die Serie The Tudors, lassen weitere Schriften Mores einfließen und Papst Johannes Paul II wie Oscar Wilde zu Wort kommen. Texte und Materialien werden zitiert und adaptiert, angeeignet und gefiltert. Zum einen ganz konkret durch unsere zweisprachige Arbeitsweise, die Vorgänge des Übersetzens und Neudenkens erfordert und auch die Zweisprachigkeit der Aufführung bewusst zum Prinzip macht. Aber auch auf andere Weise werden Materialien angeeignet und in neue Kontexte gestellt: Das von Heinrich dem Achten geschriebene Lied „Pastime with Good Company“ wird von der kanadischen Band Trike als Synth-Pop-Variante neu interpretiert, Prinzipien neoliberaler Wirtschaftstheorie werden zu den Glaubensgrundsätzen Kardinal Wolseys, Mores Schriften gegen Luther werden zur Anklage gegen Schumin Web, dem Reformer wider Willen, der unter der Last einer übergroßen ins Englische übersetzten Bibel zusammen¬bricht.

Die englische Bibel als Symbol der beginnenden Reformation wir ins Spiel gebracht von zwei Figuren, die die eigenwilligste Ergänzung des Personals von Utopia™ darstellen: Thomas Heywood und Anthony Munday. Beide waren Zeitgenossen Shakespeares und als Autoren an The Book of Thomas More beteiligt. Zugleich waren beide beteiligt an der Debatte, die sich Ende des 16. Jahrhunderts um das Theater in England entspann: während Munday 1580 in einer Anklageschrift das Theater als „Kapelle des Satans“ verteufelte, veröffentlichte Heywood 1612 mit An Apology for Actors die bedeutendste zeitgenössische Schrift zur Verteidigung des Theaters. In Utopia™ treiben beide Figuren (als Ko-Autoren) in entscheidenden Momenten die Handlung voran und treten je nach Bedarf als spirituelle Reiseanbieter, protestantische Aufrührer oder Scheidungsanwälte auf; als Theaterkritiker führen sie schließlich Argumente für und gegen das klassische Drama bzw. eine postdramatische Theaterpraxis ins Feld – eine Theaterpraxis, die nicht mehr den Text eines Autors ins Zentrum stellt, sondern alle Elemente des Theaters, wie Bewegung, Körper, Raum, Musik, Interaktion nutzt und Theater von der Aufführung der denkt.

Auch Utopia™ wurde konkret auf das Ereignis der Aufführung hin entwickelt, als ortsspezifische Performance für den Görlitzer Park Berlin. Es handelt sich nicht um einen fertigen Text, der an diesem Ort inszeniert wurde – der Text und die Produktion sind erst in Auseinandersetzung mit dem Ort, seinen räumlichen Gegebenheiten und der ihm eigenen Atmosphäre entstanden. Ein solches Projekt bringt Herausforderungen mit sich – logistische Schwierigkeiten, akustische Probleme, unerwartete Begegnungen, schlechtes Wetter und nicht zuletzt die Tatsache dass der Raum der Aufführung (und der Proben) mit zahlreichen anderen Ereignissen und Menschen geteilt wird. Genau in diesen Herausforderungen aber liegt der Reiz einer solchen Arbeitsweise: in der Notwendigkeit der Improvisation, im Entwickeln von Lösungen und Ideen gemeinsam mit dem Ensemble, in den unzähligen Begegnungen mit Menschen im Park, in den solidarischen Momenten angesichts des Unvorhersehbaren. Die Arbeit an einem solchen Projekt heißt auch, sich mit dem Ensemble im strömenden Regen auf einem Hügel im Park unter Schirmen zusammenzudrängen und plötzlich die Sonne hinter den Wolken hervorbrechen zu sehen. Es bedeutet, dass bei der Probe zum musikalischen Finale ein Dutzend Kinder die Rutsche stürmt und mit uns „The Golden Age“ singt. Es heißt, dass jede Aufführung zu einem Abenteuer wird, für die Beteiligten, für das Publikum, für den Park.

Die Produktion entwickelt sich so weiter, auch mit jeder Aufführung. Was zu sehen, zu erleben ist, ist kein abgeschlossenes Produkt, sondern bleibt immer auch Experiment und Prozess. Und so ist es jedes mal eine neue Entdeckung, wenn wir Shakespeare und More, Musical und ortsspezifische Performance, historische Figuren und den Traum von einer besseren Welt in den Park tragen. An diesem besonderen Ort spielen wir mit dem Unerwarteten und dem Unmöglichen – und zeigen king’s games als wären’s stage plays, an einem Sommertag im Park.

– SHAKESPEARE IM PARK BERLIN, Sommer 2012

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>